
Neu-Plestlin, 2017
C-Print, 54 x 44 cm

Kemmen, 2017
C-Print, 54 x 44 cm

Hahnbach, 2017
C-Print, 54 x 44 cm

Waldskopf, 2017
C-Print, 54 x 44 cm

Soseň, 2017
C-Print, 54 x 44 cm

Seelvitz, 2017
C-Print, 54 x 44 cm

Pegnitz, 2017
C-Print, 54 x 44 cm

Pnětluky, 2017
Archival pigment print, 146 x 119 cm

Struhy, 2017
C-Print, 54 x 44 cm

Marktleuthen, 2017
C-Print, 54 x 44 cm

Arenrath, 2017
C-Print, 54 x 44 cm

Hohendorf, 2017
C-Print, 54 x 44 cm

Bad Griesbach, 2017
C-Print, 54 x 44 cm

Quoltitz, 2017
C-Print, 54 x 44 cm

Schermbeck, 2017
C-type print, 54 x 44 cm

Ueß, 2017
C-Print, 54 x 44 cm

Schwarzkollm, 2017
C-Print, 54 x 44 cm
Text von Britta Peters, 2018
Ave Maria, miracula. Und grimmig stand der Teufel da.
Bombenkrater, Teufelsstein. Die Titel von Henning Rogges jüngsten Serien benennen präzise worum es geht: Um die bis heute an verschiedenen Orten, in Wäldern und auf Brachflächen sichtbaren „offenen Wunden“ des Zweiten Weltkriegs in der einen, um sagenumwobene, mit Spuren einer teuflischen Begegnung versehene ungewöhnliche Steine in der zweiten.¹ Mit den Teufelssteinen bewegt sich Rogge von den kreisrunden Löchern und Vertiefungen in der Landschaft, die die Bombenkrater ausmachen, hin zu Objekten, die skulptural in die Höhe ragen, sich aber ebenfalls größtenteils in ländlichen und bewaldeten Gebieten befinden. An die Stelle der zurückgebliebenen Leere tritt die geballte Materie – viele der so genannten Teufelssteine verfügen über ein derartiges Gewicht, dass sie weder versetzt werden können noch zerstörbar sind, einmal abgesehen von der abergläubischen Angst, die mit einem solchen Eingriff einhergehen würde.
Beide Serien überzeugen als dichte Landschaftsfotografie, jede Aufnahme erscheint für sich gesehen auf gänzlich unspektakuläre Weise spektakulär. Mit stiller Faszination berichten sie von der Gegenwärtigkeit des Vergangenen. Während wir vom Krieg dabei alle zumindest eine vage Vorstellung besitzen, ist das Wissen um Teufelssteine heute eher lokal verankert und auf spezielle Interessengruppen begrenzt. Es erscheint als Fundus unterschiedlicher Traditionslinien, von denen aus ideologischen Gründen mal diese, mal jene in den Vordergrund gestellt wird: Alte und neue Nazis verehren die Steine ungeachtet des slawischen Einflusses auf die kultischen Handlungen als germanische Heiligtümer, Esoteriker schwärmen von ihnen als strahlende Kraftorte und Energiezentren, konservative christliche Glaubensgemeinschaften heben ihre Rolle als missionarische Walfahrtstätten hervor.
Viele Mythen existieren seit dem Mittelalter und wurden im 19. Jahrhundert erstmals verschriftlicht. Die großen Findlinge, die – abgeleitet von dem lateinischen Verb errare für irren – auch als erratische Blöcke bezeichnet werden, sind in der Regel als ortsfremdes Gestein erkennbar. Geologisch gesehen beginnt ihre Geschichte also wesentlich früher und zwar als Migrationsgeschichte. Anschaulich beschreibt dies Konrad Reiß auf der Webseite der Stadt Zörbig, im Landkreis Anhalt-Bitterfeld gelegen und Standort eines Flins, Flinz oder Flenz genannten Teufelssteins aus rotem schwedischen Granit.²
Vor über 2 Millionen Jahren begann im Pleistozän, der älteren Abteilung des Quartär, die nördliche Erdhalbkugel völlig zu vereisen. Die bis dahin überall vorkommenden aktiven Vulkane erloschen. Mächtige Gletscher mit einer Stärke von über 3000 Meter wanderten in Mitteleuropa langsam aber unaufhaltsam Richtung Süden. Was sich den Riesengletschern in den Weg stellte, wurde mitgenommen. Sie machten auch nicht vor riesigen Steinen halt. Nach dem Abschmelzen der Eismassen bildeten sich dann große Moränenbögen. Auch der Stein im Fuhnegebiet zwischen Zörbig, Zehmitz und Löberitz kam so an sein Ziel.
An gleicher Stelle findet sich auch ein um 1930 entstandenes Gedicht des Löberitzer Dichters Paul Losse, das der wechselnden Bedeutung des Steins im Laufe der letzten Jahrhunderte gewidmet ist. Es bezieht sich ebenso blutrünstig wie missbilligend auf überlieferte Bräuche des germanisch-slawischen Heidentums, um schließlich und quasi schulterzuckend mit dem atheistischen Bedeutungsverlust zu enden.
Der Flinz
Nächtlich zog die Schar der Wilden
zu ihrem alten Opferstein,
wo sie ihre Blutgier stillten,
geblendet noch durch Feuerschein.
Bestimmt war dazu junges Blut
als Opfer für die Heidenbrut.
Bekanntlich bei Gewitter der Nacht
wurden sie da umgebracht.
Wen sie brachten zum Götterstein
sah niemals wieder Sonnenschein.
Bedenklich war der Götter Wecken,
verwerflich war der Wilden Wahn,
der Gletscherstein, der Opferschrecken,
die Zeit zerbrach ihn Zahn um Zahn.
Der Flinz, als Opferstein vergänglich,
es war der Menschen Phantasie,
und was man dort im Sumpfe schaute,
dieses, ja dieses sah die Nachwelt nie.
Drauf singt der Vogel sein Abendlied,
der Schnitter unbeachtet vorüberzieht,
wie alles in dauerndem Wechsel kreist,
so ging es auch dem Fuhnegeist.
Die Zeit des Flinz als heiliger Stein ab dem 8. Jahrhundert und bis zur Reformation, zwischenzeitlich sogar mit einem Marienstandbild versehen, bleibt darin außen vor. Exemplarisch für die zahlreichen mittelalterlichen Sagen, die einen wütenden Teufel oder Riesen zum Ausgangspunkt nehmen, der einst einen Stein in Richtung Kirche geschleudert haben soll, der damit zum Teufelsstein wurde, sei hier auch die zum Flinz gehörige Geschichte vom betrogenen Teufel erzählt. Wenn man bedenkt, dass die frühen Christen mit ihrem Glaubensbekenntnis zunächst dem Teufel abschwören mussten, lässt sich die Macht dieser Erzählungen erahnen.
Widersagst du dem Teufel?
Ich widersage dem Teufel.
Widersagst du seiner Pracht?
Ich widersage seiner Pracht
Widersagst du all seinen Worten und Werken, dem
Götzen Thor, und dem Wodan, und dem Odin der
Sachsen und all den bösen Geistern, welche dieser
Götzen Mitgenossen sind?
Ich widersage.
Der betrogene Teufel
Auf der Spitze des Petersberges stand ein Mönch des dortigen Klosters und blickte vergnügt gen Wadendorf, wo die Kirche gebaut wurde. Da gesellte sich der Teufel zu ihm und suchte seine Freude zu verderben. „Freue dich nicht zu früh, Mönchlein“, begann er, denn ich habe noch Gewalt über jene Kirche und kann sie im Augenblick zertrümmern, es müsste denn sein, dass ein Mensch mir freiwillig seine Seele dafür opferte. Willst du dies etwa tun?“ fügte er höhnisch hinzu. „Ich wäre gern bereit“, erwiderte unerschrocken der fromme Mann, „meine Seele hinzugeben, wenn die Kirche dafür erhalten würde, aber ich kann dir nicht glauben; wie wäre es möglich, dass du Macht über einen Kirchenbau, ein so gottgefälliges Werk, hättest?“ Darüber stritten sie eine Weile hin und her; bis der Teufel, durch den Widerspruch gereizt, auf ein daliegendes riesiges Felsstück wies und ausrief: „Ehe du drei Ave Marias sprechen kannst, will ich die ganze Kirche mit diesem Felsblock zerschmettert haben! Mache ich dies nicht wahr, so soll sie auf immer stehen bleiben, und deine arme Seele magst du auch behalten.“ „Es gilt!“, sagte der Mönch. So ergriff der Teufel den Felsblock, schwang ihn zum Wurf und schleuderte ihn mit furchtbarer Kraft nach der Kirche hin. Der Mönch aber sprach rasch, indem er das ganze Avemaria-Gebet in drei Worten zusammenzog: „Ave Maria Amen, Ave Maria Amen, Ave Maria Amen“, und bei der letzten Silbe hatte das Felsstück sein Ziel noch nicht erreicht, sondern stürzte aus der Luft nieder und schlug an der Stelle auf, wo er noch heute liegt. Ave Maria, miracula. Und grimmig stand der Teufel da.
Seit Oktober 2017 hat Henning Rogge an vierzig Standorten in Deutschland, Österreich und Tschechien Teufelssteine fotografiert. Eine zur Ausstellung erschienene Broschüre versammelt in assoziativer Folge eine ganze Reihe der dazugehörigen Mythen. Im Kern charakterisieren sie den Teufel – oder einen Riesen – als mächtigen, aber dümmlichen Widersacher aller Tüchtigen, Tapferen und Gläubigen. Denn trotz Superkräfte versagt das Böse in den entscheidenden Details: Steinwürfe werden verfehlt, Hähne krähen zu früh und beenden die Nacht, Jähzorn vernebelt die Sinne. Viele der Findlinge verfügen über markante Prägungen, die diesen Geschichten Nahrung geben. Da gibt es Finger- und Fußabdrücke zu sehen, ganz zu schweigen von den tiefen Rinnen, in denen früher das Blut der Opfer floss. Je mehr man sich darauf einlässt, desto phantastischer wird es. Traditionell gibt es eine enge Verbindung zwischen Fotografie und dem Glauben an Geister. Auch davon erzählen Rogges Bilder, allerdings subtil und ohne jeden Hokuspokus.
— Britta Peters
¹ 2008 hat Henning Rogge mit der Arbeit an den Bombenkratern begonnen. Die Serie wurde 2013 in der Galerie Jo van de Loo vorgestellt und seitdem in verschiedenen Ausstellungszusammenhängen gezeigt, u.a. 2015 bei Fire and Forget. On Violence, KW Institute for Contemporary Art, Berlin. In seiner Besprechung der Serie für das Online-Journal Drainmag stellt Ricky Varghese einen interessanten Bezug zu Freuds Begriff der „offenen Wunden“ her und beschreibt die Bombenkrater als ein Paradox aus Etwas (something) und Nichts (nothing). Vgl. http://drainmag.com/bombenkrater. Der Beginn der Teufelsstein-Serie datiert auf Oktober 2017.
² Alle kursiv gesetzten Textstellen sind den Recherchen zum Flinz auf der Webseite der Stadt Zörbig entnommen (Konrad Reiß, Schachmuseum Löberitz).
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Broschüre Teufelsstein, in Zusammenarbeit mit Regine Petersen, 2018
Eine Sammlung von 63 lokalen Legenden über Teufelssteine, ehemalige heidnische Altarsteine, die in der mitteleuropäischen Landschaft zu finden sind. Die Geschichten erzählen vom Teufel, der Felsen auf Kirchen schleudert, auf ihnen trinkt und tanzt oder unschuldige Seelen darin gefangen hält. In der Sammlung der Texte lassen sich wiederkehrende Muster dieser Mythenbildung erkennen.
32 Seiten, 12 x 14 cm
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Photonews, Ausgabe März 2018, Teufelsstein, von Anna Gripp