Henning Rogge
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#41 Rotterbach und Hacksiefen, Rheinbach, 2010
C-Print, 46 x 56 cm

#58 Projensdorfer Gehölz, Kiel 2010
C-Print, 46 x 56 cm

#45 Bulau, Hanau, 2010
C-Print, 61.5 x 76 cm

#66 Mascheroder Holz, Braunschweig, 2011
C-Print, 46 x 56 cm

#83 Beerenbruch, Castrop-Rauxel, 2012
C-Print, 46 x 56 cm

#90 Geithewald, Hamm, 2015
C-Print, 61.5 x 76 cm

#50 Dönche, Kassel, 2010
C-Print, 46 x 56 cm

#70 Ölper Holz, Braunschweig, 2011
C-Print, 61.5 x 76 cm

#53 Naturpark Dahme-Heideseen. Groß Köris, 2010
C-Print, 46 x 56 cm

#51 Dönche, Kassel, 2010
C-Print, 46 x 56 cm

#84 Beerenbruch, Castrop-Rauxel, 2012
C-Print, 46 x 56 cm

#56 Altwarmbüchener Moor, Hannover, 2010
C-Print, 61.5 x 76 cm

#82 Beerenbruch, Castrop-Rauxel, 2012
C-Print, 61.5 x 76 cm

#75 Grävingholz, Dortmund, 2012
C-Print, 46 x 56 cm

#79 Münsterbusch, Roetgen, 2012
C-Print, 46 x 56 cm

#54 Altwarmbüchener Moor, Hannover, 2010
C-Print, 46 x 56 cm

#86 Hanau AAF, Erlensee, 2012
C-Print, 46 x 56 cm

Bombenkrater, seit 2008

Text von Prof. Dr. Gunnar Schmidt, 2013

Ein deutscher Soldat desertiert 1944 und versteckt sich in einem kleinen Dorf der Eifel. Weil die Bewohner aus Angst vor Entdeckung dem jungen Mann nicht helfen wollen, erschießt er sich aus Verzweiflung und wird in einem Bombenkrater verscharrt. Erst 1959 wird die Leiche und mit ihr die Geschichte entdeckt, als an der Stelle des ehemaligen Kraters ein Karussell aufgebaut werden soll. Die Zeit scheint zu kippen: Für einen Moment noch stören die Kriegsreste, das Bombenloch in der Erde, die Erinnerung – aber das Schreckliche weicht dem leichten Vergnügen.
Diese Geschichte ist erfunden, Wolfgang Staudte hat sie in seinem Film Kirmes (1960) erzählt und dem Krater einen symbolischen Wert gegeben. Heute ist die Kirmes überall, die Trümmer sind schon seit langem beseitigt wie auch das Kraftfeld Krater betoniert und überbaut ist.
Wer allerdings die Ränder der Zivilisation absucht, kann immer noch Überbleibsel entdecken. Die fotografische Recherche Henning Rogges belegt, dass auch 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg die Erdtraumen nicht vollständig beseitigt sind. Mit Kameraausrüstung, Leiter und Navigationsinstrument streift Rogge durch die deutsche Provinz, auch durch die Eifel, durchwandert Wälder, geht über Felder und Wiesen. Mit Hilfe von Luftaufnahmen identifiziert er die Orte, an denen Bomben- und Granateneinschläge Trichter in die Erde getrieben haben. Zum Teil versteckt jenseits der Gehwege im Gehölz oder vom Horizont auf freier Fläche niedergedrückt haben sich die Löcher in Stille- und Einsamkeitswirklichkeiten verwandelt. Die Fotografie, selbst ein tonloses, unbewegtes Medium, betont und formt die Aura der Zeitvergessenheit; die Aufnahme, die Anerkennung verleiht dem unscheinbaren Ort Dignität. Henning Rogges Vorgehen ist dabei von formaler, künstlerischer Strenge geleitet. Fast immer aus einer leicht erhöhten Position den Blick, das Objektiv auf den Krater richtend, entstehen Bilder einer Annäherung und gleichzeitiger Distanzwahrung. Der Betrachter schwebt gleichsam am imaginären Ort des Fotografen und kann weder vor noch zurück. Die lichtungshafte Begrenztheit bleibt unberührt, als müsse das Geheimnishafte der Stelle gewahrt bleiben. Der Kreis in seiner fremdartigen Unnatürlichkeit inmitten der zum Teil wuchernden, zügellosen Natur wird optisch zum Oval und erzeugt die perspektivische Räumlichkeit.
Henning Rogge bezeichnet seine Fotos als Landschaftsbilder. Tatsächlich könnte man die Bilder in die Tradition einer idyllisierenden Ikonografie stellen, einer menschenflüchtenden Romantik. Die Biotope, die sich zum Teil in den mit Wasser gefüllten kleinen Löchern gebildet haben, wären moderne Utopien einer heileren Welt, die doch letztlich den Verlust in einer auf Verfügbarkeit abgestellten Landschaft anzeigten. Das eidyllion – „kleines Bild“ in der griechischen Urbedeutung – ist in seiner scheinhaften Schönheit auch Träger einer Unruhe. Denn nicht nur der Kreis, Grundform der gegenstandlosen ästhetischen Moderne, widerspricht dem ersten Blickeindruck des regellosen Wachstums. Der Titel der Serie ruft jene furchtbare Urszene auf, die heute kaum noch jemand aus unmittelbarer Anschauung kennt. Sie ist vermittelt durch Erzählungen, Historiografie und ungezählte Bilder.
Es ist diese andere Bildwelt, ins Bewusstsein eingegraben, diffus und mit vagen Affekten versehen, die im Hintergrund ein Störrauschen verursacht. Das Loch des Kraters repräsentiert auch ein Loch im Realen der Geschichte: Das Vergangene ist nur als Rest eines Effekts zu sehen, der imaginativ kaum auszumessen ist. Die oftmals mit blanker Wasseroberfläche versehenen Löcher, die undurchdringlich und schwarz die Gegenwart spiegeln, sind auch blinde Augen, die das Grauen gesehen haben. Es ist nicht die Absicht des Fotokünstlers, diesen Abgrund in seinem Pathos ins Bild zu setzen, aber es ist die Objektivität des Signifikanten Bombenkrater, der den Betrachter ebenso angeht wie das visuelle Faktum der Fotografie.
Es gibt den Riss zwischen dem Bild und dem Wort, Sichtbarem und Wissen, Geschichte und Jetzt, zwischen Utopie und pessimistischer Anthropologie, die durch die Kriege des 20. Jahrhunderts ihre Bestätigung erhalten kann. So wie die Kraterfotografien als Inbilder für Rückzugsorte abseits zivilisatorischer Anmaßungen erscheinen, so sehr sind sie als Belege einer beharrlichen Spursetzung aus dem Großraum antizivilisatorischer Mächte anzusehen. Fast rührend erscheinen diese Mikro-Orte, verletzlich, wo sie selbst doch Wunden sind, die in Jahrzehnten nur unzureichend verheilen konnten. Indem der Fotograf die formale Übereinstimmung zwischen ansonsten singulären Orten ausmacht und mit einem Namen versieht, lenkt er das Sehen zum Nichtsehen. Die Fotografien zeigen – und sie deuten auf eine Leere. Der Betrachter, der diese Latenz zurückweist, wird sich im Sichtbaren einrichten und damit zufrieden sein, einen Garten mit Rondell zu sehen. Wer die Latenz annimmt, gerät in die Haltung des Träumens, der Erfindung – der Andacht. Das eidyllion ist in diesem Fall das Medium der Durchquerung der Idylle.

— Prof. Dr. Gunnar Schmidt

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